Blogbeitrag | 17.09.2025
Verkehrs- und andere Infrastrukturprojekte gehören zu den konfliktträchtigsten Vorhaben in der Planungspraxis. Wenn Brücken marode, Straßen sanierungsbedürftig und Verkehrsadern überlastet sind, wird es schnell politisch. Die Beteiligung unterschiedlicher Gruppen und Bürger:innen wird dann zur Herausforderung – denn oft treffen auseinandergehende Interessen, gesetzliche Vorgaben und hoher Entscheidungsdruck aufeinander. Umso wichtiger ist es, über neue Formen der Beteiligung nachzudenken, die nicht nur informieren, sondern frühzeitig die Möglichkeit zur Mitgestaltung geben.
Was sind integrierte Planungs- und Beteiligungsverfahren?
Integrierte Planungs- und Beteiligungsverfahren verbinden die fachliche Planung von Infrastrukturprojekten mit einer frühzeitigen und kontinuierlichen Beteiligung von Bürger und relevanten Interessengruppen. Entscheidend ist, dass Beteiligung nicht nur parallel zur Planung stattfindet, sondern ihre Ergebnisse zu geeigneten Zeitpunkten tatsächlich in Planungsentscheidungen einfließen können. Dafür werden unterschiedliche Beteiligungsformate gezielt miteinander verknüpft – von der Einbindung organisierter Interessengruppen bis zur Beteiligung zufällig ausgewählter Bürger.
Für ifok kommt es dabei vor allem auf den richtigen Zeitpunkt und die Verbindlichkeit der Beteiligung an. Bürger:innen sollen mitgestalten können, solange wichtige Planungsfragen noch offen sind. Neben organisierten Interessengruppen und besonders engagierten Personen sollten auch zufällig ausgewählte Bürger:innen einbezogen werden. So können unterschiedliche Perspektiven frühzeitig in die Planung einfließen.
Der Unterschied zu klassischen Beteiligungsformaten liegt vor allem in der engen Verzahnung mit dem Planungsprozess. Statt lediglich über Entscheidungen zu informieren oder punktuell Meinungen einzuholen, werden Beteiligung und Planung aufeinander abgestimmt. So können Anregungen und Empfehlungen berücksichtigt werden, solange noch Gestaltungsspielräume bestehen. Voraussetzung dafür sind transparente Verfahren und eine klare Kommunikation darüber, wie die Ergebnisse in die weitere Planung einfließen.
Ein Beispiel dafür ist der Bürgerrat zur Modernisierung des Westschnellwegs in Hannover – der erste Bürgerrat zu einem linearen Infrastrukturprojekt in Deutschland. Ziel war es, eine Gruppe zufällig ausgeloster Bürger:innen aus der Landeshauptstadt sowie dem westlichen Teil der Region Hannover einzubinden. Anders als in reinen Informationsveranstaltungen waren sie dabei nicht bloß Zuhörende, sondern konnten die Zukunft einer zentralen Verkehrsader im Westen Hannovers aktiv mitgestalten.
In drei moderierten Sitzungswochenenden entwickelten die 35 Teilnehmenden im Auftrag der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV) rahmengebende Grundsätze und Empfehlungen für die Modernisierung und Zukunft des Westschnellwegs. Die Gruppe war vielfältig zusammengesetzt – nach Kriterien wie Alter, Geschlecht, Bildungsbiografie, Wohnort und Migrationsgeschichte. Unterstützt durch Fachvorträge, Diskussionen im Plenum, Kleingruppenarbeit und Ortsbegehungen entstanden in kurzer Zeit fundierte Ergebnisse.
Die Bürger:innen diskutierten u. a. über Tunneloptionen, Tempolimits, Busspuren, Lärmschutz und Luftqualität – stets mit dem Blick auf die langfristige Nutzung des Westschnellwegs. Am Ende standen sieben Grundsätze sowie 31 konkrete Empfehlungen für die zukünftige Planung. Die Ergebnisse zeigen: Bürgerräte können komplexe Themen aufgreifen und zu durchdachten, praxisnahen Vorschlägen kommen – ohne mehr Straßenraum zu fordern, sondern mit dem Fokus auf intelligente Modernisierung im bestehenden Korridor.
Dabei wurde der Bürgerrat mit anderen Formen der Beteiligung verknüpft – vorgeschaltet gab es eine breite Onlinebeteiligung und während des Prozesses einen kontinuierlichen Austausch mit den Mitgliedern des Dialogforums, aber auch Verwaltungsmitarbeitenden. Auf diese Weise konnten die Bürgerinnen und Bürger sich aktiv mit einer breiten Vielfalt an Meinungen und Perspektiven auseinandersetzen und ihrerseits neue Impulse in die klassische Stakeholderbeteiligung einbringen.
Mit dem Bürgerrat zur Modernisierung des Westschnellwegs ist ein neues Kapitel in der Beteiligung bei Infrastrukturvorhaben aufgeschlagen worden. Das Projekt zeigt: Es lohnt sich, komplexe Prozesse frühzeitig, offen und repräsentativ zu gestalten. Für uns steht fest: Integrierte Planungs- und Beteiligungsverfahren sind mehr als ein Experiment – sie sind ein Zukunftsmodell für Planungsprozesse nah an den Menschen.
Für die erfolgreiche Umsetzung solcher Prozesse sind folgende Faktoren entscheidend:
Autor:innen: Lisa Bannert, Tobias Remschel, Benoit Reuschel, Richard Steinberg, Luzie Struchholz